1 Einleitung 1.1 An ihren Forschungsergebnissen sollt Ihr sie erkennen! 1.2 Aber: Alt bedeutet nicht unwirtschaftlich und neu nicht
innovativ 1.3 Umsatzanteile pharmazeutischer Hersteller 1.4 "Marketingstandort" Deutschland 1.6 Ungesunde Pharmariesen? Kein Fall für die GKV! 1.7 Notwendige Strategie für die Zukunft der GKV: Mehr
Qualität und Effi zienz2 Ergebnisse der Arzneimittelanalysen3 Spezielle Analysen zu einzelnen Indikationsgebieten
Ungesunde Pharmariesen? Kein Fall Für Die GKV!
Das Jahr 2004 ist als eines der schwärzesten für die Pharmaindustrie
in die Ge schichte einer sonst erfolgsverwöhnten Branche eingegangen.
Die Probleme häuften sich: Mit dem COX-2-Hemmer Vioxx - einem 2,5
Mrd. $ Blockbuster der Firma Merck&Co.- fi ng es an: Herzinfarkte und
Todesfälle führten zur Marktrücknahme. Vor allem Pfi zer glaubte, das
entstandene Umsatz- und Absatzvakuum nutzen zu können, aber auch
hier ähnliche Nebenwirkungen: Sowohl Bextra (Erlös 2003 687 Mio. $)
als auch Celebrex (Umsatz 2003 ca. 1,9 Mrd. $) sind erheblich gefährdet
die Sicherheit auf dem Markt ist mehr als angekratzt. 26 Mio. Menschen
nehmen Celebrex weltweit, im dritten Quartal 2004 war der Umsatz um
14% auf 800 Mio. $ gestiegen. Alleine dieses Rheumamittel trägt 6% zum
weltweiten Pfi zer-Umsatz von 12,8 Mrd. $ bei.
In Deutschland waren die Umsatzanteile für Pfi zer zwar etwas anders
aufgeteilt (siehe Tabelle 1.9, IMS-Daten bis Mitte 2004), aber auch hier
"tragen" nur wenige Mittel den Umsatz von rund 1,15 Mrd. Euro. Und
wenn die am Markt "fl oppen", geht es auch einem Pharmariesen trotz
Viagra - an die sonst stabile Statur: Die Aktienkurse sinken, die Umsatzerwartungen
werden von den Analysten nach unten korrigiert das
schlimmste, was Firmen passieren kann!
Tabelle 1.9
Präparate mit einem Umsatzanteil von >2% am Gesamtumsatz
von Pfi zer (ca. 1,2 Mrd. Euro)
| Pfizer-Präparat |
Umsatzanteil |
Packungsmengen in Tsd. |
| Sortis |
32,4% |
4.800 |
| Norvasc |
11,7% |
4.500 |
| Valoron N |
6,1% |
1.700 |
| Viagra |
4,4% |
950 |
| Cabaseril |
3,7% |
180 |
| Genotropin |
3,7% |
31 |
| Neurontin |
3,1% |
520 |
| Detrusitol |
2,9% |
580 |
| Celebrex |
2,8% |
870 |
| Bextra |
2,1% |
1.200 |
| 10 Produkte (von ca. 140) |
72,9% |
15.331 |
Das Coxib Bextra wurde Anfang 2005 wegen schwerer Hautreaktionen aus dem
Handel genommen und folgte damit dem umsatzstärksten Coxib Vioxx, das Ende
2004 wegen unerwünschter Wirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem zurückgezogen
wurde.
Und nach dem Auslaufen des Patents von Norvasc und den darauf folgenden
deutlich kostengünstigeren Generikaangeboten anderer Firmen
wurde nun auch noch der Festbetrag für Sortis eingeführt. Als Folge
sind deutliche Umsatz- und Gewinn einbuüen für Pfi zer bei diesem
Blockbuster vorprogrammiert. Sim vastatin und Co. werden den Groüteil der Verordnungen von Sortis ersetzen. Damit steht ein Drittel des Pfi zer-
Umsatzes in Deutschland zur Disposition, ein Fiasko für das Unternehmen,
das mit dem bis 2011 patentgeschützten Atorvastatin noch viele
Umsatzmilliarden einfahren wollte. Anzeigen in Tageszeitungen (siehe
unten) oder die Weige rung, den Preis auf den Festbetrag abzusenken,
wirken da als das letzte Aufbäumen eines Pharmariesen, der schon
verloren hat, aber in unan ständiger Weise Druck auf das GKV-System
macht! Hier rächt sich nämlich erkennbar die Strategie, die Stabilität eines
Unternehmens auf nur wenigen Arzneimitteln aufzubauen und diese mit
einem riesigen Marketing- und Werbeaufwand möglichst rasch und breit
den Ärztinnen und Ärzten in die Feder zu drücken. Und je gröüer Firmen
werden, auch durch Fusionen wie kürzlich bei Sanofi -Aventis, desto mehr
sind sie diesem Marktdruck ausgeliefert, insbesondere um die Aktionäre
und Pensionfonds zufrieden zu stellen und um so mehr erhöht sich
auch der Druck auf die Kostenträger. Diese Gefahren von "dünnen Forschungspaletten",
diese von Managern mitverantwortete ungesunde
Entwicklung von Pharmafi rmen, sind aber kein Versorgungsfall für die
GKV: Die hat sich vielmehr um Evidenz und Effi zienz in der Behandlung
ihrer Versi cherten zu kümmern, und die sind keineswegs nur mit
patentgeschützten und teuren Arzneimitteln zu erreichen. Thera peutische
Innovationen da, wo es nötig ist, Generika und Festbeträge immer
da, wo es möglich ist. Das schafft auf Dauer gesunde Strukturen und
fi nanziellen "Headroom für Innovation" und damit Standortvorteile für
jedes forschende Unternehmen!
Fazit
Es sind nicht die Rahmenbedingungen auf dem deutschen Pharmamarkt,
die den pharmazeutischen Firmen zusetzen, es sind vor allem
die hausgemachten Defi zite in der Absicherung der Zukunft durch
Forschung:
- Veraltete Produktpaletten deuten auf eine geringe Forschungsintensität
hin, die Entwicklung von innovativen Arznei mitteln verlangt
nach mehr Mitteln für die Forschung, als dies in den vergangenen
Jahren bei der deutschen pharmazeutischen Industrie erkennbar
war. Dass es anders geht, zeigt die britische Industrie: Mehr
Forschungsinvestitionen schaffen auch mehr erfolgreiche Innovationen.
- Die Produktpalette der deutschen Firmen zeigt, dass man sich auf
den offensichtlich zu einfach zugänglichen GKV-Markt verlassen hat.
Werbe- und Marketingstrategien haben über Jahre geholfen, selbst
zweifelhaften Produkten oder unnötig teuren Mitteln einen Absatz und
Umsatz zu sichern. Unter Evidenz- und Effi zienz gesichtspunkten war
dies eine Verschwendung begrenzter Mittel. Nun stehen Regulationen
des Evidenzvergleiches durch das neu gegründete Institut für Qualität
und Wirtschaftlichkeit im Gesund heitswesen (IQWiG) bevor. Dies
löst bei vielen Firmen erkennbar "Panikreaktionen" aus, da sie nicht
sicher sein können, mit ihren Analogpräparaten auch weiterhin einen
sicheren Umsatz erwarten zu können.
- Nicht einmal das Angebot aus dem Jahre 1997, noch von Minister
Horst Seehofer verantwortet, dass neue und Patent geschützte
Mittel vor jeder Art der Regulationen in der GKV geschützt würden,
hat zu einer Verbesserung der Produktpalette und zum Anreiz von
For schungsaktivitäten beigetragen. Die Regelung wurde vielmehr
als Geschenk und Einladung für einen ungestörten Umsatz mit
patentgeschützten Analog- und me-too-Produkten sowie Schein33
innovationen betrachtet die Pfi zer- und Altana-Reaktionen, gegen
die neue Festbetragsregulierung zu klagen, sind Beispiele für dieses
Missverständnis.
- Nicht die GKV trägt Verantwortung für den Niedergang der deutschen
Pharmaindustrie im Konzert der internationalen Anbieter.
Es sind vielmehr die über Jahre angesammelten Fehler in der
Zukunftsabsicherung, die vom Management der Firmen sträfl ich
vernachlässigt worden ist. Die GKV fördert Innovationen, auch mit
der bevorstehenden Nutzenbewertung durch das IQWiG: Wirkliche
Innovationen mit therapeutischem Zusatznutzen werden weiterhin
im Markt durch eine im internationalen Vergleich einmalige freie
Preisfestsetzung honoriert werden. Präparate ohne einen solchen
nachweisbaren Zusatznutzen werden sich allerdings Regulationen
gefallen lassen müssen.
- Der Forschungsstandort Deutschland bietet für die Pharmaindustrie
den international einmaligen Vorteil, im Rahmen der zuverlässig
fi nanzierten GKV wirkliche Innovationen mit selbstbestimmten
Preisen anbieten und vermarkten zu können. Dieser Vorteil sollte
durch weitsichtige und nachhaltige Entscheidungen von Management
und Forschungsleitern in den jeweiligen Arzneimittelfi rmen
genutzt werden. Diese Aufgabe leitender Personen ist in der Vergangenheit
offensichtlich nur ungenügend angenommen und umgesetzt
worden, weil der Umsatz auch ohne diese Zukunftskonzeption
z.B. über Marketingausgaben gehalten werden konnte. Damit muss
Schluss sein: Es geht um Evidenz und Effi zienz der Arzneimittelversorgung
von rund 72 Mio. Versicherten in der GKV, und die wird
durch wissenschaftliche und wirtschaftliche Vergleiche erreicht:
Hierauf wird sich die pharmazeutische Industrie einstellen müssen, in
Deutschland und anderswo. Wer nicht forscht, wird abgehängt dies
ist die Lehre aus den vergangenen Jahren!