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Arzneimittel-Report 2005

1 Einleitung

2 Ergebnisse der Arzneimittelanalysen

3 Spezielle Analysen zu einzelnen Indikationsgebieten

  3.1 Hormontherapie in und nach den Wechseljahren – Welche Entwicklungen lassen sich derzeit ausmachen?
   3.1.1 Verordnungscharakteristika der Hormontherapie in und nach den Wechseljahren
   3.1.2 Verordnungen
   3.1.3 Verordnungen nach Wirkstoffgruppen
   3.1.4 Ergebnisse zu den Hormonanwenderinnen in der GEK in den Jahren 2003 und 2004
   3.1.5 Regionale Unterschiede
   3.1.6 Fazit
  3.2 Indikationsbereich Diabetes mellitus
  3.3 Erste Auswertungen des GEK-Disease Management Programms "Besser leben" für Typ-2-Diabetiker
  3.4 Benzodiazepine: Verordnungstrend erkennbar
  3.5 Demenz – Probleme einer alternden Bevölkerung
  3.6 Neuroleptika
  3.7 Begleitmedikation bei ADHS

Hormontherapie In Und Nach Den Wechseljahren – WelcheEntwicklungen Lassen Sich Derzeit Ausmachen?

Cornelia Heitmann

Unter Mitarbeit von Katrin Janhsen, Bernhilde Deitermann, Christel Schicktanz und Gerd Glaeske

Die Hormontherapie (HT) mit –strogenen und Gestagenen im Klimakterium und in der Postmenopause gehört zu den am häufi gsten eingesetzten medikamentösen Behandlungsverfahren in der gynäkologischen Praxis (Ortmann et al., 2003). Nach Berechnungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) wurden in Deutschland im Jahr 2003 für rund zwei Millionen Frauen in und nach den Wechseljahren Hormonpräparate verordnet (Presseservice Gesundheit, Mediendienst des AOK-Bundesverbands, 2004).

Historischer Hintergrund

Im Verlauf der letzten Jahre ist eine heftige und kontroverse Diskussion um die Hormontherapie in und nach den Wechseljahren entbrannt, die auch noch heute anhält. Bis Ende der 1990er Jahre wurden der Hormontherapie verschiedene protektive Effekte zugesprochen, z. B. dass sie geeignet sei zur Prävention von Herz-Kreislauferkrankungen, verschiedenen Krebserkrankungen oder auch zur Vermeidung von Osteoporose.

1998 jedoch wurden die Ergebnisse der Heart and Estrogen/Progestin Replacement Study (HERS I) veröffentlicht. Diese zeigten, dass zu Beginn der Therapie eine Zunahme der Herzerkrankungen um 50 % zu beobachten ist, die eigentlich verhindert werden sollten (Hulley et al., 1998). Auch in Bezug auf Brustkrebs zeigten mehrere Untersuchungen, dass das Risiko unter einer Hormontherapie eher erhöht ist (Hankinson 102 et al., 1998 Colditz, 1998; Magnusson et al. 1999). Die Ergebnisse dieser Studien hatten zu der Zeit jedoch wenig Einfl uss auf das Verschreibungsverhalten und auf die vorherrschende wissenschaftliche Meinung. Erst im Jahr 2002 wurde die kontroverse Diskussion um die Hormontherapie mit Macht entfacht. In diesem Jahr wurde sowohl die Nachfolgerstudie der Heart and Estrogen/Progestin Replacement Study (HERS II) als auch ein Teil der Women's Health Initiative (WHI) vorzeitig abgebrochen. Die HERS II kam anhand der ermittelten Ergebnisse zu dem Schluss, dass Thrombosen und Gallenblasenerkrankungen unter der Hormontherapie häufi ger auftreten (Grady et al. 2002; Hulley et al., 2002). Die WHI-Studie wurde dagegen abgebrochen, weil die Gesundheitsrisiken einer kombinierten –strogen-Gestagen-Substitution höher waren als der Nutzen. Im Einzelnen stieg das Risiko für eine koronare Herzkrankheit um 29 %, für Brustkrebs um 26 %, für Schlaganfall um 41 % und für Thrombosen sogar um 133 % (Writing Group for the Women's Health Initiative Investigators 2002). Diese Ergebnisse führten dazu, dass in vielen Ländern die Sicherheit und Wirksamkeit der Hormontherapie in Frage gestellt wurde (Beral et al. 2002). Wissen schaftler-Innen, Ärztinnen und Ärzte, aber auch die Laienpresse und die Frauen, die Hormone einnahmen, waren verunsichert. Mitte 2003 wurden weitere Ergebnisse der WHI veröffentlicht. Es zeigte sich, dass die in der –strogen-Gestagen- Gruppe diagnostizierten Mamma-Karzinome weiter fortgeschritten waren als in der Placebogruppe, ebenso traten vermehrt Demenzen auf und die Hormontherapie hatte keinen Einfl uss auf die Lebensqualität der Frauen (WHIMS, 2003; Chlebowski et al. 2003). Etwa zwei Monate später wurden die Ergeb nisse aus der "Million Women" Studie veröffentlicht. Sie bestätigte die Gesundheitsrisiken, die in den Publikationen aus der WHI-Studie beschrieben wurden. Sie zeigte deutlich ein erhöhtes Brustkrebsrisiko durch eine Hormonbehandlung in den Wechseljahren und konnte nachweisen, dass eine –strogen-Gestagen-Kombination das Brustkrebsrisiko stärker erhöht als –strogene allein. Zugleich war in der "Million Women" 103 Studie kein groüer Unterschied bezüglich des Brustkrebsrisikos durch unterschiedliche –strogene, Gestagene oder ihre Darreichungsform feststellbar (Million Women Study Collaborators 2003). Im gleichen Monat (August 2003) reagierte auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) auf die Ergebnisse aus den vorliegenden Studien und ordnete durch Zulassungsänderung an, dass die Hersteller in ihren Produktinformationen Angaben zu den Risiken der Hormontherapie in den Wechseljahren aufnehmen müssen, die Hormontherapie nur noch bei ausgeprägten Wechseljahrsbeschwerden anzuwenden, und die Behandlung so kurz und so niedrig wie möglich zu halten ist. Ärzte sollen ihren Patientinnen nur nach ausführlicher Aufklärung über die zu erwartenden schwerwiegenden Risiken die Hormone verordnen. Zur Vorbeugung vor Osteoporose (Knochenschwund) hält das BfArM das Nutzen-Risiko-Verhältnis für ungünstig und behält sich eine Indikationseinschränkung vor.

Im September 2003 veröffentlichte dann die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) eine Empfehlung zur Hormontherapie in den Wechseljahren und bewertete die Indikationen vor allem aufgrund der Ergebnisse kontrollierter klinischer Studien und den dabei nachgewiesenen Nutzen und Risiken neu. Die AkdÄ hält den Einsatz von –strogen- beziehungsweise –strogen-Gestagen-Präparaten nur noch im Individualfall bei gesicherter Indikation für vertretbar, etwa, wenn starke klimakterische Beschwerden auftreten und nach einer ausführlichen Nutzen-Risikoabwägung, wobei die zu beratende Frau mit einbezogen werden muss. Im Mai 2004 nahm das BfArM erneut Stellung zur Therapie mit Estrogen- und Estrogen-Gestagen-haltigen Arzneimitteln zur Hormonsubstitution und teilte in dem Bescheid vom 06. Mai 2004 mit, dass: "Sowohl für den Beginn als auch für die Fortführung einer Behandlung postmenopausaler Symptome die niedrigste wirksame Dosis für die kürzeste mögliche Therapiedauer anzuwenden ist." Darüber hinaus werden in diesem Bescheid Veränderungen hinsichtlich der An104 wendungsgebiete sowie der Warnhinweise beschrieben.

Neuere Ergebnisse der Million Women Study bestätigten zudem, dass auch die Einnahme des 19-Nortestosteronderivates Tibolon (Liviella) mit einem erhöhten Risiko für Brust- und Endometriumkarzinome einhergeht (Million Women Study Collaborators, 2005).

Konsequenzen aus den Ergebnissen

Vor diesem Hintergrund stellt sich aus Sicht der Versorgungsforschung die Frage, ob sich das Verordnungs- bzw. Einnahmeverhalten im Hin blick auf die Hormontherapie in und nach den Wechseljahren über die Zeit verändert hat und wenn ja, in welche Richtung. In verschiedenen Ländern wurden deshalb Untersuchungen gestartet, inwieweit die Ergebnisse der WHI-Studie das Einnahmeverhalten der betroffenen Frauen sowie das Verschreibungsverhalten der behandelnden Ärztinnen und Ärzte beeinfl usst hat (Bestul et al., 2004; Blümel et al., 2004; Breslau et al., 2003; Buist et al., 2004; Ettinger et al. 2003; Haas et al., 2004; Jantke et al., 2003). Dies ist insbesondere für Deutschland von Interesse, da hier nach Strothmann&Schneider (2003) im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sowohl eine enorm hohe Verordnungs prävalenz (40 % für Frauen, die 45 bis 75 Jahre alt sind) als auch eine lange Einnahmedauer (im Durchschnitt 9,7 Jahre) vorliegt.

Eine in Berlin durchgeführte Befragung von niedergelassenen Gynäkologinnen und Gynäkologen zum Verschreibungsverhalten hinsichtlich der Hormontherapie zeigte, dass die Ärztinnen und Ärzte mit einer "Dienstzeit" von unter 20 Jahren häufi ger angaben (41 %), nach Bekanntwerden der Ergebnisse aus der WHI-Studie weniger Hormone zu verordnen, während bei ihren Kolleginnen und Kollegen mit einer "Dienstzeit" von mehr als 20 Jahren dies nur bei 27 % der Fall war. Zudem gaben viele Ärztinnen und Ärzte an, dass sie sich nicht aus reichend hinsichtlich der möglichen Risiken einer Hormontherapie informiert fühlten (Jantke et al., 2003).

Im Juli 2003 wurde in Deutschland zudem eine repräsentative Befragung bei Frauen im Alter zwischen 45 und 60 Jahren durchgeführt. Diese zeigte, dass über 80 % der befragten Frauen die Ergebnisse der WHIStudie zur Kenntnis genommen hatten und dass der Informations stand mit höherer Schulbildung anstieg. Fast die Hälfte dieser Frauen hat die Hormontherapie trotz der WHI-Ergebnisse weiter fortgesetzt, nahezu ein Viertel beendete die Hormoneinnahme und etwa 14 % hatten die Hormontherapie bereits vor den Ergebnissen der WHI-Studie beendet. Als Hauptgrund für das Fortsetzen der Hormontherapie wurde von den Frauen angegeben, dass die behandelnde Ärztin / der behan delnde Arzt dazu geraten hat. Auch die in den Massenmedien veröffent lichten Beiträge haben eher dazu geführt, die Hormontherapie fortzuset zen. Frauen, die die Hormontherapie nach Bekanntwerden der WHI-Ergebnisse abgesetzt haben, gaben dagegen an, dass ihnen die Risiken zu hoch erschienen (Heitmann et al., 2005). Zu ähnlichen Ergebnissen kamen auch Studien in anderen Ländern. Ein in den USA im August 2002 durchgeführter Survey zeigte, dass von 819 befragten Frauen (im Alter von 40-79 Jahren) 64 % etwas über die Ergebnisse der WHI-Studie gehört hatten (Breslau et al., 2003). Eine im März 2003 durchgeführte Befragung in den USA konnte indessen feststellen, dass bereits 93 % der befragten Frauen die Ergebnisse der WHI-Studie zur Kenntnis ge nommen hatten, von diesen haben 56 % die Hormontherapie beendet (Ettinger et al., 2003). Im Raum San Francisco sank die Hormon einnahme bei Frauen im Alter zwischen 50-74 Jahren nach Veröffent lichung der WHI-Ergebnisse immerhin um 18 % pro Quartal (Haas et al., 2004). Eine kanadische Untersuchung konnte indessen zeigen, dass bei den Erstanwenderinnen (inzidente Anwenderinnen) von Hormonen be reits die Publikation der Ergebnisse aus der HERS I Studie zu einer Ab nahme an Verschreibungen geführt hat, während es bei den Frauen, die bereits seit einiger Zeit Hormone einnahmen (prävalente Anwende rinnen), erst durch die Veröffentlichung der WHI-Ergebnisse zu einem Rückgang der Verschreibungen kam (Austin et al., 2003).