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Arzneimittel-Report 2005

1 Einleitung

2 Ergebnisse der Arzneimittelanalysen

3 Spezielle Analysen zu einzelnen Indikationsgebieten

  3.1 Hormontherapie in und nach den Wechseljahren – Welche Entwicklungen lassen sich derzeit ausmachen?
  3.2 Indikationsbereich Diabetes mellitus
  3.3 Erste Auswertungen des GEK-Disease Management Programms "Besser leben" für Typ-2-Diabetiker
  3.4 Benzodiazepine: Verordnungstrend erkennbar
  3.5 Demenz – Probleme einer alternden Bevölkerung
  3.6 Neuroleptika
  3.7 Begleitmedikation bei ADHS

Indikationsbereich Diabetes Mellitus

Auswertungsergebnisse der GEK Christel Schicktanz
Unter Mitarbeit von Katrin Janhsen und Gerd Glaeske

Im Vergleich der Jahre 2003 und 2004 sind die Gesamtkosten für Antidiabetika erstmalig nicht angestiegen. Sind 2003 noch 16,7 Millionen Euro an Gesamtausgaben für Arzneimittel der ATC-Gruppe A10 zu verzeichnen, reduzierten sich diese Kosten im Jahr 2004 um 3,95 % auf 16,0 Millionen Euro (s. Tabelle 3.7).

Betrachtet man dagegen die verordneten DDD-Mengen (Defi ned Daily Dose nach der Wido-Klassifi kation), so ist ein deutlicher Anstieg der Tagesleistungen zu verzeichnen. Im Vergleich der beiden Jahre wurden 2004 rund 840.000 DDDs mehr verordnet. Der Rückgang der Kosten ist also nicht durch eine Minderverordnung zu erklären (s. Tabellen 3.2-3.5), vielmehr hat offensichtlich die neue Preisgestaltung bei den rezeptpfl ichtigen Mitteln (einheitlicher Fixaufschlag in den Apotheken, wodurch vor allem Mittel mit einem früheren Preis über 27 Euro für die GKV kostengünstiger wurden) zu einer Ausgabensenkung beigetragen.

Differenziert man die Verordnungen nach ihrer ATC-Klassifi kation, so ist bei den oralen Antidiabetika eine deutliche Zunahme zu verzeichnen, sowohl bei den Kosten (10,27 %), wie auch bei den DDD-Mengen, während die Arzneimittelgruppe der Insuline nur in ihrer DDD-Menge ansteigt.

Die Minderung der Insulinkosten um 10 % bzw. des Preises um ca. 25 Cent pro DDD ist auf die Änderung der Preisgestaltung durch den Fixaufschlag zurückzuführen und leider nicht durch die reduzierte Verordnung der teuren Analoginsuline, deren Wirkungsvorteil bis heute nicht ausreichend nachgewiesen ist.

Insgesamt zeigt sich, dass die Verordnungsmenge der Analoginsuline weiterhin deutlicher ansteigt als die Menge von Humaninsulinen- eine 131 ausreichend gesicherte Evidenz für diesen Anstieg liegt nicht vor. Unter Aspekten der Wirtschaftlichkeit ist dieser Befund daher negativ zu bewerten (s. Tabelle 3.12 und 3.13).

Im Zusammenhang mit den Analoginsulinen wird weiterhin die Frage einer möglichen mitogenen Wirkung dieser Arzneimittelgruppe diskutiert. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass bisher keine endgültigen Studienergebnisse vorliegen, mit denen die Unbedenklichkeit der Analoginsuline abschlieüend belegt wäre (Arzneimittel-Brief, 2005; arznei-telegramm, 2004).

Zu der weiterhin diskutierten Progression der Diabetischen Retinopathie unter dem Analoginsulin Glargin wird 2006 ein Ergebnis erwartet (Vergleichsstudie der Firma Aventis mit 1000 Teilnehmern über 5 Jahre). Der Vorteil dieses Analoginsulins soll in der Wirkungsdauer von 24 Stunden und einer verbesserten Stoffwechselleistung mit einer gleichzeitigen Gewichtsreduktion liegen (Schreiber et al., 2005; Hauner, 2003; Meyer et al., 2005).

Die Anteile der Insuline und der oralen Antidiabetika hinsichtlich der verordneten DDD-Mengen im Jahre 2004 sind in den Abbildungen 3.9 und 3.10 dargestellt. Sie zeigen im Vergleich zum GEK-Arzneimittel- Report 2004 nur geringe Abweichungen. Deutliche Steigerungen gibt es bei den Biguaniden bzw. ihren Kombinationen mit Rosiglitatzon, während die Sulfonylharnstoff-Derivate an Prozentanteilen verlieren.

Abbildung 3.9
Verordnung von Insulinen im Jahr 2004 Darstellung der verordneten DDD


Abbildung 3.10
Verordnungen von oralen Antidiabetika im Jahr 2004

Wie kommt bei den oralen Antidiabetika der Anstieg der Kosten zustande? Es sind besonders die neueren Präparate wie die Kombinationen Metformin plus Rosiglitazon, Glitazone oder Glinide, deren Preise bis zum Achtfachen höher sind als zum Beispiel das bewährte Glibenclamid oder Metformin.

Warum werden diese Mittel aber immer häufi ger eingesetzt?

Ist es die âÄöAngst vor der Insulinspritze' oder die Hoffnung, dass diese Medikamente meist nur einmal am Tag und unabhängig von den Mahlzeiten eingenommen werden können?

Nach einer EMNID-Umfrage fürchten sich mehr als die Hälfte der Deutschen vor den Folgekrankheiten im Falle eines Typ-2-Diabetes, fast ein Drittel hat die gröüte Angst vor dem Spritzen von Insulin (Die Naturheilkunde, 2004).

In der Literatur besteht weitgehend Konsens darüber, dass bei einem Anstieg des HbA1c > 7,0 % über mehr als 3 Monate auf eine Kombination oraler Antidiabetika mit Insulin zu wechseln ist, um zu einer guten Stoffwechseleinstellung zu gelangen (Braunstein&White, 2005), ein rechtzeitiger Wechsel zum Insulin ist daher auch zur Verhinderung von Folgeerkrankungen bei vielen Typ-2-Diabetikern unerlässlich.

Neben der Auswertung von Verordnungsdaten wurden die Verordnungen von Antidiabetika auch personenbezogen analysiert.

Die nachfolgenden Auswertungen greifen auf einen Versichertenstamm der durchgängig Versicherten zurück - also auf Personen, die im betrachteten Jahr ohne Unterbrechungen bei der GmünderErsatzkasse versichert waren. Da auch nach dem Austritt aus einer gesetzlichen Krankenversicherung dem Versicherten eine Karenz von 30 Tagen gewährt wird, in der er weitere Leistungen in Anspruch nehmen kann (SGB V Âß19(2)), führten Fehlzeiten bis zu 30 Tagen nicht zum Ausschluss aus der ganzjährigen Versichertengruppe.

Von diesen jeweils rund 1,3 Millionen ganzjährig Versicherten in den Jahren 2003 und 2004 wurden anhand der Arzneimittelverordnungen (mindestens eine Verordnung eines Medikamentes aus der ATC-Stoffgruppe A10) die Diabetiker identifi ziert. Für das Jahr 2003 mit 1.225.799 durchgängig Versicherten ergab sich eine âÄörohe' Verordnungsprävalenz von 2,96 %, im Jahr 2004 mit 1.297.120 Versicherten stieg diese Prävalenz leicht auf 3,10 %. (s. Anhang Tab. 46)

Um eine Verzerrung der Auswertungen durch die charakteristische Zusammensetzung der GEK-Population auszuschlieüen, wurde eine 135 Altersstandardisierung mit der KM6-Population durchgeführt und in einem zweiten Schritt auch die Geschlechterverteilung standardisiert.

Die GEK-Versicherten sind etwas jünger als die Gesamtpopulation der Kassenpatienten und es sind deutlich mehr Männer versichert. (siehe Abbildung 2.1) Die stetige Zunahme von Diabetespatienten, die in der Literatur weltweit beschrieben wird, (RKI, 2005) fi ndet sich bei der GEK nur in Andeutungen wieder.

Identifi ziert man die Anzahl der Versicherten mit Insulinverordnungen, hierin sind enthalten alle Typ-1-Diabetiker und ein Teil der Typ-2-Diabetiker im Gegensatz zu Versicherten mit Verordnungen oraler Antidiabetika bzw. der Kombination oraler Antidiabetika plus Insulin, die für Typ-2- Diabetes charakteristisch sind, so steigt die Anzahl der Insulinpatienten von ca. 10.000 Patienten im Jahr 2003 auf ca. 11.000 im Jahr 2004 an. Die Zahl der zweiten Gruppe erhöht sich sogar von ca. 26.000 in 2003 auf ca. 30.000 im Jahr 2004 (s. Anhang Tab A2-A7). In der Abbildung 3.11 erkennt man den Anstieg der Versichertenzahlen in den Gruppen differenziert nach Geschlecht. Trotz einer gegenläufi gen Entwicklung im durchgängigen Versichertenstamm hat sich die Anzahl der männlichen Versicherten mit Diabetes mehr erhöht als die der weiblichen Versicherten. Dies fällt insbesondere in der mit oralen Antidiabetika behandelten Versichertengruppe auf. Es wäre zu erwarten gewesen, dass aufgrund des höheren Zuwachses der GEK an weiblichen Versicherten auch Frauen den gröüeren Anteil bei der Erhöhung der Verordnungszahlen hätten.

Dies vor allem deshalb, weil auch nach Thefeld (1999) die Diabetesprävalenz für Frauen höher lag und zwar bei 5,6 %, im Gegensatz zu 4,7 % bei Männern. Eine âÄöDiätbehandlung' bekamen 17 % der Frauen, aber nur 13 % der Männer, während 17 % der Männer und 15 % der Frauen ohne Therapie beziffert wurden. Der Anteil an der Behandlung mit Insulin lag für beide Geschlechter bei 24 %, für orale Antidiabetika bei 46 % für Männer und 44 % für Frauen. Denkbar ist, dass Frauen öfter nicht 136 medikamentös behandelt werden, da sie sich auf die für eine erfolgreiche Sekundärprävention des Diabetes wichtigen Verhaltensänderungen wie z. B. Ernährungsumstellung, Gewichtsreduktion oder mehr körperliche Bewegung besser einstellen können.

Auch im aktuellen Themenheft Diabetes mellitus der Gesundheitsberichterstattung (RKI, 2005) wird über eine höhere Prävalenz der Frauen in den entwickelten Länder gesprochen, dagegen werden im Bundes- Gesundheitssurvey von 1998 für die Altersgruppe bis siebzig Jahre höhere Prävalenzen für die Männer genannt.

Die Prävalenz im hausärztlichen Bereich lag nach den Arztdiagnosen bei 15,6 % (18,5 % der Männer und 13,7 % der Frauen). 67,6 % dieser Diabetiker bekamen eine medikamentöse Therapie, wobei sich hier nur geringe Unterschiede in der Verschreibung der einzelnen Antidiabetika hinsichtlich Männern und Frauen ergab (Lehnert et al., 2005).

Abbildung 3.11
Anteil der Versicherten nach Geschlecht aufgeteilt in 3 Verordnungsgruppen


Als weitere Informationsquelle stehen der GEK in diesem Jahr erstmalig die ambulanten Diagnosedaten ihrer Versicherten für das 1. bis 3. Quartal des Jahres 2004 zur Verfügung.(1 )

1 Die vollständigen Daten liegen für das 3.Quartal vor. Für das1. Quartal fehlen noch Daten aus der KV Schleswig Holstein zu den extern abgerechneten Fällen (Fälle, die in Schleswig-Holstein behandelt wurden, jedoch nicht dort ansässig waren).Für das 2.Quartal fehlen vollständig die Daten der KV Südwürttemberg. Aus Niedersachsen sowie Sachsen fehlen maügebliche Daten zu regional abgerechneten Fällen. Zur KV Bayern fehlen lediglich die extern abgerechneten Fälle.

Sie ermöglichen neben vielen weiteren Informationen eine versichertenbezogene Verknüpfung von Verordnungsdaten und Arztdiagnosen. Die Diagnosen sind nach der Internationalen Klassifi kation der Krankheiten ICD 10 verschlüsselt.

Bisher konnten Versicherte ohne Arzneimitteltherapie, die nur eine diätische oder keine Behandlung erhielten, nicht als Diabetiker erkannt werden. Erste Auswertungen der ambulanten Diagnosen hinsichtlich des Diabetes mellitus stellen nun ein erweitertes Bild der Erkrankung dar.

Die Tabelle 3.6 zeigt die durchgängig Versicherten im Jahr 2004, differenziert nach Alter und Geschlecht, hinsichtlich des Verordnungsverhaltens und der ambulanten Diagnosen für Diabetes. Etwa 3 % der Versicherten bekamen in dem Jahr mindestens eine Verordnung mit einem Antidiabetikum, während eine Diagnose Diabetes mellitus (ICD10= E10-E14) bei ca. 6 % der Versicherten vorlag. Eine alleinige Verordnung von Antidiabetika ohne entsprechende Diagnose fand sich nur bei 2.040 Versicherten (ca. 0,16 % der Versicherten).

Mit diesen Ergebnissen liegt die GEK im Rahmen der in der Literatur diskutierten Prävalenz einer Diabeteserkrankung von 5 % (RKI, 2005). Geht man von 80.000 Diabetikern in der GEK aus, von denen ca. 14 % eine alleinige Insulintherapie bekamen, waren ca. 40 % der Typ- 2-Diabetiker mit und die verbleibenden 45 % ohne medikamentöse Therapie. Neben der Erkrankungshäufi gkeit kommt es bei Diabetikern zu einer erhöhten Sterblichkeit vor allem an Herz-Kreislauferkrankungen sowie an diabetesbedingten Folgeerkrankungen (Erblindung, Dialysepfl icht, Amputationen von Gliedmaüen) vor. Es ist davon auszugehen, dass schwere Verläufe des Diabetes zu einem groüen Teil vermeidbar sind. Prävention und Behandlung erfordern einen umfassenden interdisziplinären Ansatz und die aktive Einbindung der PatientInnen.

Moderne Versorgungskonzepte wie zum Beispiel das Besser-leben- Programm der GEK, können ein wichtiger Beitrag sein, den Leidensdruck der PatientInnen zu mindern und nicht zuletzt die erheblichen Kosten für das Gesundheitswesen zu senken. Im nachfolgenden Kapitel wird das Disease Management Programm der GEK vorgestellt.