1 Einleitung2 Ergebnisse der Arzneimittelanalysen3 Spezielle Analysen zu einzelnen Indikationsgebieten 3.1 Hormontherapie in und nach den Wechseljahren Welche
Entwicklungen lassen sich derzeit ausmachen? 3.2 Indikationsbereich Diabetes mellitus 3.3 Erste Auswertungen des GEK-Disease Management
Programms "Besser leben" für Typ-2-Diabetiker 3.4 Benzodiazepine: Verordnungstrend erkennbar 3.5 Demenz Probleme einer alternden Bevölkerung 3.6 Neuroleptika 3.7 Begleitmedikation bei ADHS
Erste Auswertungen Des GEK Disease ManagementProgramms "Besser Leben" Für Typ 2 Diabetiker
Sabine Grunow
Unter Mitarbeit von Katrin Janhsen und Gerd Glaeske
Eine über-, Unter- bzw. Fehlversorgung von Diabetikern in Deutschland
ist u. a. durch die sektorale Trennung im Gesundheitswesen und die
überwiegende Ausrichtung der Organisationsstrukturen auf die Therapie
akuter Krankheitsbilder bei fehlender Betreuung durch Schwerpunktpraxen
im Rahmen von systematischen Programmen bedingt.
In der sog. CODE 2-Studie wurden die Häufi gkeiten von Dia betes-
Komplikationen in Deutschland und die sich daraus ergebenden
Kosten ermittelt. Die Pro-Kopf-Kosten stiegen im Jahre 1998 mit dem
Komplikationsstatus vom 1,3fachen (keine Komplikationen, ~ 3.370 DM
pro Patient) auf das 4,1fache (makro- und mikrovaskuläre Komplikationen,
~ 11.034 DM pro Patient) der durchschnittlichen Ausgaben für
GKV-Versicherte an (Liebl, 2001).
Die durch diese Komplikationen verursachten Leiden und Beeinträchtigungen
der Lebensqualität von Patienten und die damit verbundene
Kostenlast kann zum Teil durch eine bessere Versorgungsqualität
vermieden werden (Braun, 2001).
Isolierte Einzelmaünahmen (z.B. die Entwicklung von Leitlinien oder
sektoral getrennte Budgets) konnten zu keiner wirksamen Kostenstabilisierung
führen, sondern haben vielmehr eine Kostenverschiebung
in andere Sektoren ausgelöst. Auf der Suche nach neuen Versorgungsmodellen
wurde das Konzept des Disease Mangements entwickelt.
Disease Management wird von K.W. Lauterbach (2001) als "systematischer,
sektorenübergreifender und populationsbezogener Ansatz zur
Förderung einer kontinuierlichen, evidenzbasierten Versorgung von
142
Patienten mit chronischen Erkrankungen über alle Krankheitsstadien und
Aspekte der Versorgung hinweg" bezeichnet.
Seit dem 1.7.2002 sind die rechtlichen Grundlagen dafür geschaffen
worden, dass gesetzliche Krankenversicherungen strukturierte Behandlungsprogramme
anbieten und eingeschriebene Versicherte entsprechend
den Festlegungen der Verordnung behandelt werden können.
Die Behandlungsprogramme Typ-2-Diabetes mellitus haben folgende
Programmziele:
- Vermeidung von Symptomen der Erkrankung einschlieülich neuropathischer
Symptome sowie von Nebenwirkungen der Therapie und
schweren Stoffwechselentgleisungen
- Reduktion des erhöhten Risikos für kardiale, zerebrovaskuläre und
sonstige makroangiopathische Morbidität und Mortalität einschlieülich
Amputationen
- Vermeidung der mikrovaskulären Folgekomplikationen mit schwerer
Sehbehinderung, Erblindung, Niereninsuffi zienz mit der Notwendigkeit
einer Nierenersatztherapie (Dialyse, Transplantation)
- Vermeidung des diabetischen Fuüsyndroms mit neuro-, angio- und/
oder osteopathischen Läsionen
Im Rahmen eines Diabetesprojektes von AOK, IKK, Kassenärztlicher
Vereinigung und einigen Krankenhäusern in Sachsen-Anhalt, das bis zum
Jahresende 2002 nahezu 20.000 Patienten eine strukturierte Behandlung
ermöglichte, konnte gezeigt werden, dass Diabetes-Patienten schon nach
relativ kurzer Zeit von einer solchen strukturierten Behandlung profi tieren
(AOK-Forum, 2004).
Darüber hinaus konnten eine verbesserte Kooperation der behan delnden
Ärzte erzielt und auf Krankenkassenseite Einsparungen in Millionenhöhe
erreicht werden (AOK-Forum, 2004).
Die IGES-Studie (2003) hingegen geht dagegen davon aus, dass die
143
derzeit geplanten DMP zum Typ-2-Diabetes ein ungünstiges Kosten-
Nutzen-Verhältnis aufweisen und nur geringfügige Vermeidungen von
Herzinfarkten, Schlaganfällen, Amputationen, Erblindungen und Nierenversagen
zur Folge haben werden.
Inzwischen sind Disease Management Programme für den Typ-2-
Diabetes mellitus fl ächendeckend in Deutschland umgesetzt. Evaluationsergebnisse
der Disease Management Programme zum Diabetes
existieren bisher leider allerdings nicht. Nach Zahlen der AOK beteiligen
sich ca. 37.000 niedergelassene Ärzte und ca. 500.000 AOK-Versicherte
(Müller de Cornejo, 2005).
In der Gesundheitsberichterstattung des Bundes zum Diabetes (RKI,
2005) wird berichtet, dass bis Anfang Dezember 2004 ca. 2.690
Disease Management Programme für Typ-2-Diabetes durch das Bundesversicherungsamt
genehmigt wurden. Ende Oktober 2004 waren insgesamt
über eine Million Diabeteskranke (in den alten Ländern 815.000 und
in den neuen Ländern 318.000) in diese Programme ein geschrieben.
Das "Besser-leben-Programm Diabetes" der GEK hat 2003 beim
Bundesversicherungsamt die Zulassung erhalten. Ab dem 23.04.2003
konnten Patienten mit Typ-2-Diabetes eingeschrieben und programmgemäü
behandelt werden. Seit diesem Zeitpunkt wurden mehr als 10.000
Patienten in das Programm aufgenommen (siehe Tabelle 3.15 bis 3.18).
Evaluationsergebnisse der Disease Management Programme zum
Diabetes liegen bisher noch nicht vor. Anhand der Routinedaten von DMPPatient/
innen, die über die Ver sichertennummer ermittelt wurden, sollen
Veränderungen in der Medi kation dokumentiert und den evidenzbasierten
DMP-Empfehlungen gegenübergestellt werden (siehe Tabelle 3.19 bis
3.22).
Ab dem 23.04.2003 waren Einschreibungen in das Besser-leben-
Programm der GEK möglich. Für die KV Hessen wurde fast zeitgleich
144
ein gesonderter Vertrag über den Datenaustausch zwischen der Datenstelle
und Krankenkasse vereinbart, so dass Daten mit einer etwas
unterschiedlichen Datenstruktur aus Hessen vorliegen. Zum 01.07.2004
wurden die Nachrichtenübermittlungstypen der DMP-Dokumentationsdaten
überarbeitet. Von diesem Zeitpunkt an liegen modifi zierte Fassungen
der Dokumentationsdaten vor. Dies gilt auch für Hessen.
Wenn auch die bisher vorliegenden Ergebnisse aus den Analysen der
Erst- und Folgebescheinigungen noch als vorläufi g und statistisch nicht
belastbar betrachtet werden müssen, so kann sehr wohl im Sinne einer
ersten Annäherung vor allem unter Berücksichtigung der Folgebelege,
darauf hingewiesen werden, dass die DMP-Diabetes-Patienten nicht
ausschlieülich gemäü den evidenzbasierten Leitlinien des Disease
Management Programmes behandelt worden sind.
Für Patienten, die den HbA1c-Zielwert nicht durch nicht medikamentöse
Maünahmen erreichen können und bei denen eine Indikation zu einer
150
medikamentösen antihyperglykämischen Behandlung besteht, wird im
DMP-Programm vorrangig eine medikamentöse Behandlung mit
- Human- oder Schweine-Insulin
- Glibenclamid (als Monotherapie) bzw.
- Metformin (beim adipösen Patienten: als Monotherapie)
empfohlen.
Entgegen der Empfehlung des Disease Management Programmes
werden jedoch auch die DMP-Patienten beispielsweise mit Analoginsulinen
behandelt, obwohl das Disease Management Programm ausdrücklich
eine Behandlung mit humanem bzw. Schweine-Insulin als Mittel
der besten Evidenz vorsieht.
Von der Empfehlung für die orale antihyperglykämische Therapie weichen
offensichtlich viele verordnende Ärzte ebenfalls ab. So wird im Besser-
Leben-Programm für Diabetiker der GEK als Monotherapie Gli benclamid
bzw. Metformin für adipöse Patienten empfohlen.
Dennoch fi ndet vielfach das teurere Glimepirid Anwendung, obwohl
mit der Verschreibung des als gleichwertig angesehenen Glibenclamid
deutliche Einsparpotentiale möglich wären.
Gelegentlich erfolgt eine umstrittene, kostenintensive und häufi g mit
Therapieabbrüchen verbundene Behandlung mit Acarbose und auch
Glinide, die in der Empfehlung des Disease Management Programmes
ebenfalls nicht genannt sind, werden verordnet.
Die evidenzbasierten Empfehlungen für die Typ-2-Diabetestherapie
fi nden offensichtlich nicht bei allen Ärzten Eingang in die Therapieentscheidung.
Inwiefern die therapeutischen Erfolge des Disease
Management Programmes dadurch nachteilig beeinfl usst werden, bleibt
in der Evaluation abzuklären. Allerdings scheint es Unterschiede im
Vergleich des Verordnungsverhaltens zwischen Ärzten aus den alten
151
und neuen Bundesländern zu geben. So haben die Ärzte aus den neuen
Bundesländern nach den uns vorliegenden Daten weniger Schwierigkeiten,
sich insbesondere im Verordnungsverhalten bezüglich der Insuline an den
Empfehlungen zu orientieren. Dies wird in einer ausführlichen Evaluation
der vorliegenden Daten in absehbarer Zeit noch zu klären sein.
Untersucht werden sollte auch, ob es durch eine Orientierung an den
Therapieempfehlungen gelingt, Symptome, Nebenwirkungen der Therapie
und schwere Stoffwechselentgleisungen zu vermeiden, wenigstens
aber zu verringern. Langzeitstudien, die klären könnten, ob durch eine
verbesserte Diabetestherapie im Rahmen von Disease Management
Programmen das Risiko für kardiale, zerebrovaskuläre und sonstige
makroangiopathische Morbidität und Mortalität gesenkt, eine Vermeidung
der mikrovaskulären Folgekomplikationen und eine Verhin derung des
diabetischen Fuüsyndroms erreicht werden können, stehen noch aus.